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Freitag, 19. August 2011

Aus meinem Buch:Sehr schrullige Short-Stories

Testergebnis
Immer diese Unannehmlichkeiten für Frau Dr. Pauline
Pyro-Funkenriede. Ihres Zeichens Betriebspsychologin
der Pharma-Firma Brennstein & Kolbe. Für heute Punkt 9 Uhr 30 stand eine voraussichtlich unerfreuliche Aussprache mit einem zukünftigen Ex-Mitarbeiter auf ihrem Terminkalender.
Laut ihren Unterlagen würde es schwierig sein, ihm die
Tatsache seiner bevorstehenden Kündigung klarzumachen.
Denn es handelte sich bei ihm nicht um einen als
harmlos einzustufenden Eigenbrötler. Der Mann hatte
großes Fachwissen und verfügte über tadellose Fertigkeiten.
Und doch erschien er Frau Dr. Pyro Funkenriede
nicht gerade nützlich, eher im Gegenteil....
Die Sekretärin meldete ihn über die Sprechanlage
an: „Frau Doktor! Herr Fischer wäre hier.“
„Schicken Sie ihn rein!“ befahl Frau Dr. kurz und öffnete
die vor ihr liegende Personalakte über ihn. Von
seinem Foto schien er sie schon feindselig anzustarren.
Schon trat er durch ihre gepolsterte Bürotür. Frowin
Fischer, ein Mann von durchschnittlichem Aussehen,
hatte für dieses Gespräch mit ihr seinen besten
Anzug angelegt. Die getupfte Krawatte ließ ihn direkt
bieder erscheinen. Doch der Schein trügte, wie
sie aus seinen Testergebnissen wusste.
Höflich erhob sie sich, als er ihr quer über den breiten
Schreibtisch die Hand reichte und drückte sie
kurz aber umso fester.
„Guten Morgen, Herr Fischer! Nehmen Sie Platz.“ forderte
sie mit befehlsgewohnter ‚Stimme, worauf er
sich ihr gegenüber auf den Ledersessel setzte.
Seine mitgebrachte abgegriffene Aktentasche, die
so gar nicht zu seinem so feierlichen Aufzug passte,
stellte er neben sich auf den Boden, stützte die Ellen
auf die Lehnen und zog den Haaransatz auf seiner
Stirn zurück. Seine sonstige Mimik war momentan
vereist. Das wird nicht leicht werden bei dem, befürchtete
sie und holte kurz Luft.
„Herr Fischer-“
„Ja, Frau Doktor?“ Wieder bewegte er die Kopfhaut,
ließ seinen Haaransatz zweimal vor und zurückgleiten,
wobei auch die Ohren mitbewegt wurden.
Mann oh Mann, ist der Kerl angespannt, erkannte sie,
dem muss ich es ganz vorsichtig beibringen.
„Herr Fischer,“ setzte sie nochmals an.
„Ja?“ Nun spitzte er den Mund. Fast als wollte er sie
küssen.
„Ähem, wie soll ich es Ihnen sagen,“ fing sie an, bereute
aber ihre Wortwahl schon. Das war schon falsch, ärgerte sie sich.
„Einfach frei von der Leber weg, Frau Soktor.“ ermunterte
er sie.
„Wie Sie wissen, habe ich Ihren letzten Test vor mir.“
In seiner Akte blätterte sie zu dem Testbogen.
„Ja, das weiß ich.“
Irgendwie fand sie ihm gegenüber nicht die richtigen
Worte. Es fiel ihr schon selber auf, dass sie sich wie
eine Anfängerin benahm. Dabei hatte sie ihr Psychologie-
Studium kombiniert mit spezieller Betriebswirtschaftslehre
gut 16 Jahre hinter sich.
Und eine 13jährige Berufserfahrung prädestinierte sie
wahrlich für Gespräche mit schwierigen Menschen.
„Was ich nicht weiß, warum Sie überhaupt einen Test
mit mir veranstaltet haben, Frau Doktor.“ meldete er
sich wieder zu Wort.
„Wir wissen aus diversen Studien, dass sich der
Mensch an und für sich alle 7 Jahre ändert.“ belehrte
sie ihn.
„Ich bin eine konstante Persönlichkeit.“
„Natürlich gleicht kein Mensch dem andern, aber im
Durchschnitt-“
„Ich bin auch kein Durchschnittsmensch.“ stellte er
mit momentan vorgeschobenem Haaransatz fest. Seine
dichten Augenbrauen senkten sich düster.
„Selbstverständlich sind Sie das nicht!“ sagte sie schnell,
was seine Brauen wieder hinaufschnellen ließ. „Sie
sind mit einem IQ von 145-“
„155!“ verbesserte er rasch!
„Ja, ich hab das Blatt nicht vor mir.“ entschuldigte
sie sich und blätterte kurz in der Akte, fand es aber nicht.
„Mach ich Sie nervös?“ Jetzt umspielte ein Lächeln
seine dünnen Lippen.
„Nein, nein, ich brauche Ihren Intelligenzquotienten
auch nicht zu kontrollieren, den kennen Sie selbst an
besten....Wo war ich stehengeblieben?“
„Sie sagten vorhin, ich sei mit einem IQ von 155 ein Genie!“
„Das sagte ich?“ fragte sie erstaunt.
„Sie haben den Satz nicht zu Ende sprechen können,
weil ich Sie kurz korrigieren musste. Fahren Sie fort.“
Das Lächeln war wieder verschwunden.
„Also, was ich damit ausrücken wollte, ist meine Hochachtung vor Ihren geistigen Fähigkeiten.“
„Die waren Ihnen doch schon vorher bekannt. Da
hätten wir uns den Test sparen können.“
„Natürlich wussten wir um Ihr Genie. Sonst hätten
wir Sie auch gar nicht bei uns eingestellt. Vor äh-“
stockte sie und blätterte erneut.
„Vor 6 Jahren und einem Monat. Selbst wenn ich ein
Durchschnittsmensch wäre, was aber nicht der Fall
ist, hätten Sie den Test erst nächstes Jahr machen
brauchen.“ stellte er ungeduldig fest.
„Ich will ehrlich zu Ihnen sein, Herr Fischer.“
„Darum möchte ich auch gebeten haben.“
„Wir bekamen einige Beschwerden Ihrer Kollegen
über Sie.“ gab sie zu.
„Welcher Kollegen?“
„Sie sind doch nicht allein im Forschungslaboratorium.“
„Allein nicht, aber der einzige, der die ganze Arbeit macht.“ erläuterte er ihr unwirsch, wobei er wieder mal mit der Kopfhaut plus Ohren zuckte.
„Wollen Sie damit andeuten, dass Ihre Kollegen nichts leisten?“ empörte sich Frau Dr. Pyro-Funkenriede.
„Nicht andeuten, sondern feststellen! Die komischen
Figuren, die Sie als meine Kollegen bezeichnen, stehen
mir nur im Weg herum, kritisieren meine Forschungsergebnisse,
vergeuden wertvolle Zeit mit Kaffeepausen
und Turteleien mit den Laborassistentinnen.“ ratterte
er seinen ganzen Frust herunter und stierte ihr
dabei unverwandt in die Augen.
„Ist das so?“ versuchte sie, Zeit zu gewinnen.
„Das sind die Tatsachen.“
„Wenn das so ist, warum haben Sie sich dann nicht
ihrerseits bei mir über die anderen beschwert?“
„Weil ich kein Denunziant bin.“
„Sehr löblich. Mir scheint, dass Ihre Kollegen Ihr Genie
verkennen.“

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